ODDSET Zukunftspreis 2010

03.09.2010

ODDSET-Preis für Ideen auf dem
Weg in die Zukunft

Mit dem von LOTTO Hessen gestifteten und gemeinsam mit dem Landessportbund Hessen ausgeschriebenen ODDSET-Zukunftspreis des hessischen Sports sind jetzt im Biebricher Schloss in Wiesbaden die TGS 1895 Jügesheim e.V., der Fußball Club Viktoria 09 Urberach und der Verein Gesundheit für Alle - Kelkheimer Verein für Bewegungstherapie und Herzsport e.V. als Hauptpreisträger ausgezeichnet worden. Anerkennungbeträge aus dem mit insgesamt 20.000 Euro dotierten Preis gingen an den Tauchclub Oktopus Rüdesheim am Rhein e.V. und die Turngemeinde Rüdesheim 1947 e.V.

Die bundesweit einzigartige Auszeichnung wird für zukunftsweisende Projekte, Konzepte und Initiativen im Vereinssport vergeben. Die Preise wurden gemeinsam von Werner Koch, dem neuen Staatssekretär im Hessischen Ministerium des Innern und für Sport, LOTTO-Geschäftsführer Dr. Heinz-Georg Sundermann und dem Präsidenten des Landessportbundes Hessen, Dr. Rolf Müller, überreicht. Insgesamt waren 60 Bewerbungen, so viel wie noch nie zuvor in der Geschichte des Preises, eingegangen.

Das Konzept zur Prävention sexualisierter Gewalt im Sportverein mit der deutlichen Überschrift „Nein – hau ab!“ der TGS 1895 Jügesheim e.V. hatte im Vorfeld die Jury unter Vorsitz des Bundesforschungsministers a. D., Prof. Dr. Heinz Riesenhuber, überzeugt. Der 1. Preis ist mit einer Geldprämie in Höhe von 7.000 Euro
verbunden.

Der mit 5.000 Euro dotierte 2. Preis ging an den Fußball Club Viktoria 09 Urberach e.V. für das Projekt „Elternsensibilisierung für faires Verhalten im Kinder- und Jugendfußball“.

Das unmittelbar vor Ort angebotene „Gesundheitsbewegungsangebot für Menschen in Senioreneinrichtungen“ des Vereins „Gesundheit für Alle – Kelkheimer Verein für Bewegungstherapie und Herzsport e.V.“ belohnte die Jury mit Platz 3 und 3.000 Euro.

„Wir ehren heute gemeinsam mit Lotto Hessen Vereine die dafür sorgen, dass der Sport als gesellschaftliche und soziale Kraft zukunftsfähig bleibt“, beschrieb Dr. Rolf Müller die Intention des Preises. Eine Intention, die heute noch ebenso aktuell ist wie im Jahr 2005, dem Jahr, in dem der ODDSET-Zukunftspreis des Hessischen Sports ins Leben gerufen wurde, wie Lottochef Dr. Heinz-Georg Sundermann ergänzte. „Die Probleme, die die Gesellschaft 2005 bewegten, haben sich seit damals kaum verändert. Und oft genug sind es die Sportvereine, die mit ihren Initiativen und ihrem Engagement uneigennützig einen wichtigen, gesellschaftlichen Beitrag leisten“, so Sundermann. Die Initiativen der prämierten Vereine bezeichnete er als „Leuchtturmprojekte“, die Lotto Hessen gerne und aus voller Überzeugung mit dem ODDSET Zukunftspreis unterstütze.

Eine Unterstützung, die Sinn macht, wie Werner Koch, neuer Staatssekretär im Hessischen Ministerium des Innern und für Sport, bestätigte. Die Landesregierung wisse, was der Sport für die Gesellschaft leiste. Die Förderung der Sportvereine, so Koch, solle auch in Zukunft bestehen bleiben. Generell wolle die Landesregierung das Augenmerk auf die Rahmenbedingungen, die die Weiterentwicklung der Vereine ermöglichen, legen. Die mit dem ODDSET-Zukunftspreis bedachten Vereine lobte er mit den Worten: „Ich habe Respekt vor den Ideen und deren Umsetzung“.

DIE PREISTRÄGER

TGS 1895 Jügesheim e.V.
„NEIN, HAU AB!“ – EIN KONZEPT ZUR PRÄVENTION VON SEXUALISIERTER GEWALT IM VEREIN

Der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ist in jüngster Vergangenheit verstärkt in den Fokus
der Öffentlichkeit gerückt. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass auch Sportvereine betroffen sein können:

Bei der TGS 1895 Jügesheim e.V. war dies der Fall. Anstatt die erschreckenden Vorkommnisse unter den
Teppich zu kehren, ist der Vorstand in die Offensive gegangen. Mit dem Präventionskonzept „Nein, hau ab!“
wurde ein Maßnahmenkatalog entwickelt, der zum festen Bestandteil der Vereinsphilosophie geworden ist.
Das Projekt mit einem aus drei Säulen bestehen Konzept soll innerhalb des Vereins ein täterunfreundliches Umfeld geschaffen werden. Für sämtliche Trainer/innen, Übungsleiter/innen und Betreuer/innen sowie für die Mitglieder des Vorstands ist die Teilnahme an einer Schulung zum Thema „sexualisierte Gewalt“ deshalb verpflichtend. Flankierend wird einmal jährlich eine Veranstaltung mit einem speziellen Schwerpunkt wie etwa „Sichern und Helfen“ beim Geräteturnen angeboten, wobei u. a. erklärt wird, wie Kinder bei Hilfestellungen richtig angefasst werden.
Um mit ihrem Präventionsmodell einen möglichst großen Personenkreis zu erreichen, hat die TGS Jügesheim als „zweite Säule“ Informationsveranstaltungen für Betroffene und interessierte Eltern installiert, bei denen auch Außenstehende willkommen sind, die dem Verein nicht angehören. Dies gilt ebenso für Lehrer und Erzieher aus den umliegenden Schulen und Kindergärten.
Als ein junger Verein mit insgesamt 2050 Mitgliedern, von denen knapp 45 Prozent unter 18 Jahre alt sind, liegt das Hauptaugenmerk der Präventionsarbeit auf der „dritten Projektsäule“ - der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Mit Theaterprojekten und Workshops wird ein Lernprozess angestoßen, der das Selbstbehauptungsvermögen von Minderjährigen stärkt und darauf ausgerichtet ist, persönliche Intimitätsgrenzen erfahrbar zu machen und fest zu fixieren. So genannte Kinderpaten, die als Vertrauenspersonen zur Verfügung stehen, ergänzen den schlüssigen Maßnahmenkatalog gegen sexualisierte Gewalt im Sportverein.

In Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) sowie in stetiger Einbindung der Öffentlichkeit im Kreis Offenbach hat die TGS Jügesheim ihre Vorbeugearbeit pünktlich zur Haftentlassung des Täters von 2003 verstärkt. Sämtliche Präventionsmodule werden in der neu gegründeten vereinseigenen RODGAU-FUßBALL-AKADEMIE durchgeführt, sind als immerwährender Arbeitsbereich aber im Gesamtverein und in allen Abteilungen dauerhaft verankert.

Fußball Club Viktoria 09 Urberach e.V.
Elternsensibilisierung für faires Verhalten im Kinder- und Jugendfußball

Basierend auf der DFB-Kampagne „Fair bleiben, liebe Eltern“, bei der die Erziehungsberechtigten mittels eines Fragebogens eine Selbsteinschätzung hinsichtlich ihres Benehmens bei Jugendspielen treffen und eine ergebnisgerechte Verhaltenskorrektur vornehmen sollen, schlägt das Urberacher Projekt einen für Erwachsene denkbar unangenehmen Weg ein: Diesmal durften die Kinder einen Fragebogen ausfüllen und ihren Eltern Kopfnoten geben.

Das Experiment begann Ende 2009 mit Spielerinnen und Spielern im Alter von acht bis zehn Jahren (E2- und E3-Jugend). Anlässlich eines Hessenligaspiels wurde das Projekt nicht nur der Öffentlichkeit vorgestellt,
sondern es erfolgte die aus dem Fragebogen resultierende Punktvergabe - selbst die „Rote Karte“ war dabei
eine Option! Beim anschließenden Elternabend wurden die Ergebnisse diskutiert und spezielle Problemlagen erörtert. Die von einer schlechten Bewertung betroffenen Eltern hatten während der gesamten Spielzeit Gelegenheit, an sich zu arbeiten und ihr schlechtes Ranking zu verbessern. Eine zweite Kinderbefragung wurde zum Ende der Spielzeit, im Juni 2010, vorgenommen.

Um die Selbstkontrolle am Spielfeldrand dingfest zu machen, hat der Verein zusätzlich eine Selbstverpflichtungserklärung formuliert, mit der sich die Eltern bereit erklären, gegen Rassismus und Diskriminierung vorzugehen und als Zuschauer tolerant zu agieren. Das von der landesweiten Initiative „Ballance Hessen“, dem DFB und dem Hessischen Fußball-Verband (HFV) unterstütze Modellprojekt Elternsensibilisierung für faires Verhalten im Kinder- und Jugendfußball soll im kommenden Jahr nicht nur fortgesetzt, sondern auf sämtliche Jugendmannschaften von FC Viktoria 09 Urberach ausgeweitet werden. außerdem wird das Bekenntnis zu Fairness und Toleranz künftig im Mitgliedsantrag festgeschrieben.

Gesundheit für Alle – Kelkheimer Verein für Bewegungstherapie und Herzsport e.V.
Seniorensport vor Ort

Aufgrund körperlicher Einschränkungen sind viele Senioren nicht mehr in der Lage, aus eigener Kraft eine Sportstätte aufzusuchen. Davon ausgehend, dass im Jahr 2020 im Main-Taunus-Kreis rund 30 Prozent der Bevölkerung über 60 Jahre alt sein wird, hat der Verein „Gesundheit für Alle“ ein Konzept entwickelt, das lebenslanges Sporttreiben trotz dieser wachsenden Immobilität möglich macht. In Kooperation mit der Seniorenresidenz Kelkheim kommt nicht mehr der Mensch zum Verein, sondern der Verein zu den Menschen! Seit Juni 2009 wird in der Senioreneinrichtung ein Bewegungskurs angeboten, der auf die Verbesserung der alltäglichen Lebensqualität ausgerichtet ist. Die Schongymnastik mit verschiedenen Kleingeräten wie Igelbällen, Sandsäcken oder Chiffontüchern ist der individuellen Leistungsfähigkeit der Teilnehmer angepasst und wird fast ausschließlich im Sitzen durchgeführt. Gleichgewichtsübungen und behutsamer Muskelaufbau stehen dabei genauso auf dem Trainingsplan wie ein abwechslungsreicher Entspannungsteil. Darüber hinaus fördern Konzentrations- und Wahrnehmungsspiele die Gedächtnisleistung der zum Teil hoch betagten Senioren.

Der große Erfolg des Pilotprojekts mit 14 regelmäßigen Teilnehmer/innen, die inzwischen auch alle Vereinsmitglieder geworden sind, lässt die Verantwortlichen bereits in die Zukunft denken. Nicht nur, dass das Bewegungsangebot in der Seniorenresidenz Kelkheim unbefristet fortgesetzt wird – Kurse in Gedächtnistraining und Sturzprävention sollen ergänzend hinzukommen. Der Vereinsvorstand von „Gesundheit für Alle“ plant außerdem, seine Aktivitäten auf weitere Senioreneinrichtungen auszuweiten und will möglichst viele Übungsleiter für Fortbildungen im Bereich sportlicher Seniorenarbeit gewinnen.

SONDERPREIS für Tauchclub Oktopus Rüdesheim am Rhein e.V.
Tauchen mit geistig Behinderten

Mit seinem Projekt Tauchen mit geistig Behinderten hat der Verein Neuland betreten. Informationen und Erfahrungsberichte existierten vor knapp drei Jahren bei den offiziellen Verbänden so gut wie noch keine, der Hessische Tauchsportverband (HTSV) riet von einem solchen Projekt sogar ab. Doch die im St. Vincenzstift, einer Einrichtung für geistig Behinderte, tätigen Initiatoren ließen sich nicht beirren. Schließlich brachte der zufällige Kontakt mit der integrativen Tauchgruppe „Wasserflöhe“ in Langen den Durchbruch. Die dortigen Erfahrungen ermöglichten es den Rüdesheimern, ihre Idee in die Tat umzusetzen.

Insgesamt neun Heimbewohner haben im Frühjahr 2009 mit dem Training begonnen, wobei sich schnell zeigte, dass sämtliche Vorbehalte unnötig waren. Bald schon war kaum noch zu erkennen, dass es sich bei den Tauchern um geistig Behinderte handelte. Eine den Teilnehmern angepasste Prüfung hat inzwischen bestätigt, dass sie den Umgang mit Maske, Schnorchel und Flossen unter Aufsicht schon sehr gut beherrschen. Die inzwischen erweiterte Gruppe im Hallenbad des St. Vincenzstifts soll dauerhaft fortgeführt werden.

SONDERPREIS für Turngemeinde Rüdesheim 1847 e.V.
Integration geistig Behinderter/Abenteuer- und Erlebnisraum „Halle für Alle“

Unter dem Motto Abenteuer- und Erlebnisraum „Halle für Alle“ hat die TG Rüdesheim im Februar 2009 ein integratives psychomotorisches Sportangebot für Kinder zwischen sechs und 13 Jahren geschaffen. In Kooperation mit der Grundschule Rüdesheim werden motorisch auffällige Regelschüler mit gleichaltrigen geistig Behinderten zusammengeführt. Bei erlebnispädagogischen Bewegungsspielen schlüpfen die Kinder in die Rolle von Rittern, Piraten oder Astronauten und stärken dabei ihr Selbstbewusstsein: Die Regelschüler machen die positive Erfahrung, nicht mehr zu den Schwächsten zu gehören – die geistig Behinderten gewinnen ein Stück Normalität außerhalb von Heim oder Wohngruppe.

Die bis zu 20-köpfige Gruppe wird von zwei Übungsleiterinnen, einem FSJ-ler und drei Jugendlichen mit Gruppenhelferausbildung geleitet. Zusätzliche Unterstützung gibt es durch Auszubildende, die den Beruf des
Heilerziehungspflegers erlernen. Die Übungsleiterinnen haben im Fortbildungssegment Behinderten- und Rehasport eine Fachlizenz für „geistige Behinderung“ erworben.


SOCCER KIDS     E-JUGEND    FC VIKTORIA 09 URBERACH e.V.